Ich arbeite Vollzeit, mein Mann bleibt zu Hause -warum das immer noch für Unverständnis sorgt…

Liebe Karolina, erzähl erst mal, wer alles zu deiner Familie gehört.

Zu meiner Familie gehört mein Mann Lukas (30 Jahre), der Kaufmann für Versicherungen und Finanzen bei einem namhaften Versicherungsunternehmen ist, momentan ist er in Elternzeit. Mein Sohn (3 Jahre) und meine Tochter Amelie (7 Monate), die im Juli letzten Jahres zur Welt kam. Ich, Karolina (32 Jahre alt), bin Lehrerin an einer Mittelschule. 

Du bist nach der Geburt Deiner Tochter wieder Vollzeit eingestiegen. War das in der Schwangerschaft schon klar oder wann habt ihr das so entschieden?

Bei meinem Sohn Noah, war bereits in der Schwangerschaft klar: Ich bleibe mindestens 1 Jahr zuhause. Da hab ich nicht mal darüber nachgedacht, wieder arbeiten zu gehen. Ich kannte zu dieser Zeit auch niemanden, der wieder sofort ins Berufsleben eingestiegen ist. Es war einfach selbstverständlich für mich, dass ich für die Versorgung des Babys zuständig bin. Deshalb blieb ich ein Jahr zu Hause.

Als ich mit meiner Tochter schwanger wurde, habe ich zunächst gedacht, dass ich auch wieder zuhause bleiben werde. Mein Mann überraschte mich irgendwann mit der Frage: „Wieso bleibe ich eigentlich nicht zuhause und du gehst arbeiten?“ Zum ersten Mal dachte ich ernsthaft darüber nach. Wieso sollte ich nicht gleich wieder anfangen und warum sollte mein Mann nicht mal die Erfahrung zuhause machen? Mit einem noch unsicheren Gefühl gingen wir noch hochschwanger zu einer Beratungsstelle. Dort wurden wir umfassend informiert und wir gingen mit einem positiven Gefühl nach Hause. Ab diesem Zeitpunkt wussten wir: Lukas geht in Elternzeit.

Warum wolltest du möglichst schnell wieder arbeiten gehen?

Kurz und knapp: Ich liebe meine Arbeit.

Ich bin sehr gerne Lehrerin und arbeite unheimlich gerne mit Kindern und Jugendlichen. Sie liegen mir sehr am Herzen und als Klassenlehrerin baut man auch eine intensive Beziehung auf. Zudem kenn ich diese positive Einstellung zur Arbeit auch von meinem Elternhaus. Meine Mutter ist leidenschaftliche Krankenschwester, die auch mit drei Kindern immer gearbeitet hat.

Es ist in Deutschland immer noch selten, dass der Vater ein Jahr Elternzeit nimmt. Wie waren die Reaktionen darauf?

Unsere Eltern wussten nicht mal, dass es diese Möglichkeit gibt und waren zunächst überrascht. Meine Schwiegermutter, die sieben Kinder großgezogen hat, war schockiert, dass ihr Sohn sich das antun will 🙂

Unsere Freunde reagierten überrascht, aber sehr positiv, weil sie meinen Mann bereits als sehr engagierten Vater kannten.

Wie reagierte der Arbeitgeber deines Mannes?

Zunächst sehr erstaunt, aber dann haben sich alle zusammen gesetzt und besprochen, wie die Zeit ohne meinen Mann ablaufen kann. Ich empfand das als sehr lösungsorientiert.

Ein Arbeitskollege allerdings war recht wütend – er arbeitet mit vier anderen Kollegen in einem Team mit meinem Mann. Er empfand die Entscheidung als egoistisch und unkollegial. Er fühlte sich im Stich gelassen.

Gab es auch Unverständnis, dass Du wieder schnell arbeiten möchtest?

Oh ja. Viele Freundinnen waren echt erstaunt und haben mich gefragt, ob ich das wirklich so machen will. Wenn ich ihnen meine Gründe erklärt habe, habe ich meistens danach viel Zuspruch bekommen. Allerdings gab es auch Mütter, die sagten, dass sie das niemals machen würden – da musste ich schon schlucken und habe mich gefragt, ob meine Entscheidung wirklich richtig ist. Auch im Kollegium in der Schule waren die Reaktionen sehr gemischt…

Und wie hast Du Dich in den ersten Wochen zurück im Job gefühlt?

Ehrlich gesagt: Es ging mir erst nicht so richtig gut. Ich dachte sogar darüber nach, was die Nachbarn darüber denken, dass ich als Mutter wieder arbeiten gehe und der Papa zu Hause bleibt. Es kam mir alles unwirklich vor – gerade hatte ich noch diesen riesigen Babybauch und dann stand ich schon wieder im Klassenraum…

Und ich tue mich auch manchmal bei meinen Freundinnen schwer, weil ich da einfach merke, dass ich eine„andere Mutter“ bin. Ich habe vormittags keine Zeit frühstücken zu gehen, keine Zeit, an einer Krabbelgruppe oder dem Babyschwimmen teilzunehmen. Wenn ich solche Verabredungen absagen muss, fühle ich mich schon wie ein Außenseiter und auch wie eine schlechte Mutter…Ich muss mich dann richtig „zurückholen“ und mir klar machen, dass unser Weg für unsere Familie gut ist.

Bei eurem ersten Sohn bist du ein Jahr zu Hause geblieben – wie hast du das Jahr damals erlebt?

Das Jahr Elternzeit mit meinem Sohn war ein schönes und ereignisreiches Jahr. Das erste Mal Mutter werden, ist schon an sich ein unbeschreibliches Gefühl. Und das Jahr mit Baby sowieso. Das erste halbe Jahr verging so schnell, da alles neu für mich und für unsere Ehe war. Nach und nach verspürte ich aber immer mehr den Wunsch, wieder „rauszukommen“. Ich wollte nicht nur Baby versorgen und Haushalt führen, sondern auch was für mich tun, und auch was für die Haushaltskasse beisteuern. Ehrlich gesagt, habe ich meinen Mann beneidet, dass er zur Arbeit gehen durfte… Nur Ehefrau und Mutter zu sein, hat mich nicht zu 100% erfüllt.

Ärgert es Dich, dass es immer noch als üblich gesehen wird, dass automatisch die Frau zu Hause bleibt? 

Ich wünsche mir, dass es sich viel mehr Männer trauen, die Aufgabe zu Hause zu übernehmen. Und die Frauen müssen lernen, loszulassen und dem Vater die Aufgaben zu Hause zutrauen. Männer können das genauso gut wie Frauen – und deshalb sollte keine Frau ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie wieder arbeiten geht.

Findest du, dass eigentlich viel mehr Väter den Job zu Hause machen sollten, damit sie mal wissen, was die Frau leistet?

Auf jeden Fall! Ich kann allen Männern nur ans Herz legen, Elternzeit zu nehmen. Man muss ja nicht die volle Zeit nehmen – aber ein paar Monate komplett zu Hause sein, das ist eine wichtige Erfahrung. Die Zeit, sich völlig auf die Familie und das Kind zu konzentrieren, bekommt man nicht oft. Und die Väter durchleben mal den ganz normalen Alltag, den die Frauen zu Hause stemmen. Das fördert ganz sicher das Verständnis füreinander.

Wie hat Eure Aufteilung Eure Beziehung verändert?

Unsere Beziehung und unser Familienverhältnis hat sich seit der Elternzeit meines Mann noch mehr gefestigt. Wir führen ein sehr harmonisches Familienleben. Mein Mann verbringt so viel Zeit mit den Kindern und da ich nur vormittags in der Arbeit bin, verbringen wir nun jeden Tag gemeinsam. Das war vorher nicht so, da mein Mann oft bis zu den späten Abendstunden gearbeitet hat. Und ich persönlich fühle mich auch wohl. Wie sagt man so schön: Glückliche Mutter- glückliche Kinder. 

Was möchtest du noch zu dem Thema sagen?

Frauen, die schnell nach der Geburt wieder in den Job einsteigen, bekommen viel Gegenwind – vor allem in den sozialen Netzwerken. Das finde ich absolut unnötig. Wäre es nicht viel besser, jeder Familie die Freiheit zuzugestehen, ihren eigenen Weg zu finden?  


11 comments

  1. Gute Idee aber diese Konstellation kann auch zu massiven Schwierigkeiten im Falle einer Trennung führen , denn ein Richter orientiert sich daran wie die Betreuungssituation zuvor ausgesehen hat wenn man Pech hat kann man danach das Kind verlieren. Ich würde es nicht mehr zustimmen dass ein Partner mehr Elternzeit macht als ich auch wenn ich es eine gute Idee finde und schön. Wenn dann nur gleich lang aber wie gesagt wenn’s zur Trennung kommt sind die Tränen groß .

  2. Bei unserem ersten Kind ist mein Mann 2 Jahre in Elternzeit gegangen. Die Entscheidung stand schnell. Er wollte auch beruflich etwas ändern… Für ihn war es eine ganz besondere Zeit 2009-2011. Andere Männer haben in unserem Umfeld nur Vätermonate genommen und sind länger in Urlaub gefahren.
    Bei Kind 2 und Kind 3 bin ich dann jeweils 1,5 Jahre zu Hause geblieben. Nachdem mein Mann das geschafft hat, habe ich mir das auch zugetraut 😉. Hätte ich einen Krippenplatz jeweils früher bekommen wäre ich auch nach 1 Jahr wieder arbeiten gegangen.
    Jetzt arbeite ich Teilzeit – mein Mann Vollzeit und ich betreue die Kids mittags. Wir sind also auch wieder klassisch unterwegs.
    Mein Mann ist damals auch komisch angeschaut worden… Es war halt einfach „nicht normal“.
    Heute freue ich mich über jeden Mann der den Job richtig übernimmt.
    Und die Beziehung zwischen ihm und unserer Großen ist was besonderes. Den Kontakt der ersten beiden Jahre kann nichts ersetzen

  3. Ich finde es toll, dass ihr beide dieses Familienmodell umsetzt. Allerdings glaube ich, seid ihr hier auch in einer privilegierten Situation. In den meisten Fällen ist es ja so, dass der Mann deutlich mehr verdient und Eltern haben deshalb alleine aus finanziellen Gründen oft nicht wirklich eine Wahl. Wir hätten uns damals nicht für dieses Modell entscheiden können, obwohl mein Mann gerne Elternzeit genommen hätte.

  4. Ich finde es toll und bewundernswert. Und ich kann total verstehen, dass man seine Arbeit liebt und auch dass man sich mit Kind zuhause nicht „ausgelastet“ fühlt, vor allem geistig. Ich bin nach acht Monaten mit zwei halben Tagen wieder eingestiegen und auch wenn ich mein Kind sehr vermisst habe, hat es mir unglaublich gut getan. Was anderes sehen und hören, sich über was anderes Gedanken machen etc. Und auch unserer Tochter hat es gut getan und sie hat zwei weitere enge Bezugspersonen, die auch im Notfall da wären. Die Möglichkeit, dass mein Mann Zuhause bleibt, bestand bei uns leider nicht, da es schon schwer war die zwei Monate durch zu bekommen und der Verdienstausfall einfach zu groß gewesen wäre. Auch das war in den zwei Monaten schon hart zu kompensieren. Von daher schön, dass es bei Euch funktioniert und dass es diese Beispiele gibt und sie dazu anregen, vielleicht doch mal drüber nachzudenken.

  5. Für uns wäre es auch nichts. Mir war es sehr wichtig die Kinder nach Bedarf stillen zu können und ich hätte gar nicht lange von meinen Babys getrennt sein können und wollen. Dazu kann mein Mann als selbstständiger mit seinem Vater und Cousin auch nicht lange ausfallen, selbst wenn wir Elternzeit teilen wollten ginge es einfach nicht. Aber ich denke es ist für Eltern auch eine tolle Erfahrung wenn auch der Vater diese intensive Zeit zuhause bewältigen kann ( und dann muss) . Und wenn zb nicht gestillt wird kann er genauso nachts dann zuständig sein. Also wenn es für alle Mitglieder einer Familie es so passt ist das sicherlich toll! Und ich finde da sollte es in unserer Gesellschaft auch viel einfacher und normaler werden das da neue Wege gegangen werden kann. Wieso sollte nicht auch der Vater die Elternzeit nehmen, er kann das Baby genauso gut versorgen, und für das Baby ist die Mama auf jeden Fall wichtig, aber grundsätzlich einfach eine zuverlässige Bezugsperson die prompt seien Bedürfnisse befriedigt. Und das ist dann erst mal egal ob das Mama oder Papa ist…..

  6. Hallo,
    für mich wäre es auch nichts. Ich würde mein Baby wahnsinnig vermissen auf der Arbeit und ich bin mir sicher mein Kind mich auch🙂Wir arbeiten doch heute immer länger, fast unser ganzes Leben. Was sind da schon ein oder zwei Jahre?!? Aber trotzdem schön das es bei dir funktioniert und es die Möglichkeit gibt.

  7. Hi!
    Ist doch wunderbar, dass ihr einen guten Weg für eure Familie gefunden habt.
    Für unsere Familie wäre es keine Option, dass mein Mann im ersten Jahr nach der Geburt komplett Elternzeit nimmt und ich arbeite. Dazu ist mir das Stillen zu wichtig. Auf diesen Heckmeck mit Stillen – Pumpen – Flasche hab ich keine Lust und obwohl es theoretisch bestimmt möglich ist, zeigt doch die Praxis, dass meist weniger lange gestillt wird.
    Und heute Nacht war zum Beispiel eine sehr anstrengende Nacht. Habe sehr oft stillen müssen und bin jetzt sehr froh mich nur auf den Haushalt, nicht aber auf 20 Schulkinder/Kunden/ Patientin konzentrieren zu müssen. Arbeiten und Schlafentzug lässt sich doch noch schwerer vereinbaren wie Haushalt und Schlafentzug.
    Mein Mann kann gerne nach dem ersten Lebenjahr ( haben gerade unser drittes Baby) zuhause bleiben oder später nochmal.
    Liebe Grüße

    1. Ganz ehrlich: Stillen und arbeiten lässt sich vereinbaren. Ich bin nach zwei Monaten EZ wieder in Vollzeit arbeiten gegangen. Und habe dieses Kind 11 Monate voll gestillt. Klappt und muss man wollen, da es wirklich anstrengend war. Respekt vor Jeder, die sich für solch einen Weg entscheidet und schade, dass man sich immer rechtfertigen muss.

      1. Hey Pätzchen, du musst dich nicht rechtfertigen. Ist doch super, dass es bei dir geklappt hat. Du schreibst ja auch selbst, dass es anstrengend war stillen und arbeiten zu vereinbaren. Mir ist es ohne arbeiten schon anstrengend genug 😊.

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