Jasmin Gerat: Endlich dürfen wir Mütter auch mal sagen: ICH KANN NICHT MEHR

Foto: Mujo Kazmi

Ihr Lieben, unsere Kollegin Tanya Neufeldt alias Lucie Marshall hat ein Buch über Mütter aus Deutschland* geschrieben. 30 Frauen porträtiert sie darin, eine von ihnen ist Schauspielerin Jasmin Gerat, die mit ihren zwei „quirligen“ Töchtern in Berlin lebt. Wir dürfen hier ihre Sicht auf die Mutterschaft publizieren. Sie sagt:

„Meine Kinder zeigen mir jeden Tag, dass es die perfekte Mutter nicht gibt. Und das ist auch gut so.“

„Das Spannende an Kindern ist, dass ich üben darf, über meine alten Verhaltensmuster hinauszuwachsen.“ Jasmin wurde das erste Mal mit 28 Jahren Mutter und war davon überzeugt, eine lässige Hippie-Mutter zu werden, die ihre Kinder überall mit hinnimmt. Die Realität sah allerdings anders aus.

„Die ersten Jahre war ich richtig sauer, dass mich niemand darauf vorbereitet hatte. Alle sagten immer nur, wie schön es ist. Aber diese Ehrlichkeit unter Müttern, dass man sich traut zu zeigen ‚Ich kann nicht mehr‘, die gab es vor zehn Jahren noch gar nicht. Das fängt ja jetzt erst langsam an. Ich dachte, alle kriegen es hin, nur ich nicht.“

Mittlerweile hat sie eine zweite Tochter, acht Jahre trennen die beiden. „Das Leben kam dazwischen…“, sagt sie lachend zum Altersabstand.

„In unserer Gesellschaft wird nach wie vor vorausgesetzt, dass Frauen Kinder kriegen und von vornherein damit zurechtkommen. Es ist immer noch ein Tabuthema, dass es Mütter gibt, die ihr Kind zuerst gar nicht annehmen können.

Aber auch wir Frauen müssen uns an die neuen Umstände und die Kinder gewöhnen. Das ist ja erst mal ein wildfremder Mensch. Und die Ansprüche sind so hoch, dass alles sofort funktionieren muss. Nein, muss es eben nicht. Es dauert ein Leben lang.“

Jasmin bindet ihre Familie von vornherein voll ein. Die Oma reist mit, wenn Jasmin in anderen Städten oder Ländern arbeitet. Als die Große ein Jahr alt ist, geht es für ein paar Wochen mitten in den afrikanischen Busch.
„Da war ein Dorf, in dem alle Kinder frei herumliefen und spielten. Die ganze Dorfgemeinschaft hat aufgepasst. Jeder fühlte sich verantwortlich. Das hat mich tief berührt. Das ist nicht so wie hier, wo viele geradezu degeneriert in ihrer Vierzimmerwohnung sitzen und sich jeder hauptsächlich um seinen eigenen Mist kümmert.“

Eins ist ihr in den Jahren als Mutter klar geworden: Kinder großzuziehen braucht ganz viel Zeit, Bewusstsein und Zuwendung.

„Wir müssen umdenken. Die Zeit der schwarzen Pädagogik, mit der Kinder zurechtgestutzt wurden, damit sie wie Soldaten mitlaufen, ist vorbei. Wir sind die Generation, die mitgestaltet, was in der Zukunft passiert. Heute geht es darum, empathische Menschen großzuziehen, damit wir uns im besten Falle weniger Bomben um die Ohren fliegen.

In Deutschland muss die Gründung einer Familie nebenbei laufen – Vollzeit arbeiten, Haushalt perfekt schmeißen. Ich habe das Gefühl, da muss dringend eine neue Wertschätzung stattfinden. Und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes: Wert.“ Foto: Mujo Kazmi

Zwei Kinder mit einem großen Altersabstand zu bekommen, bringt auch große Herausforderungen. Während die Große mit acht Jahren aus dem Gröbsten raus war, musste Jasmin noch einmal ihr Tempo ändern und sich ganz neu und anders auf die Bedürfnisse der Kleinen einlassen. „Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Ich liebe die Stille. Und jetzt habe ich zwei sehr quirlige Mädchen bekommen.“

Früher gehörte sie auch zu denen, die im Supermarkt die Augen rollten, wenn Kinder sich nicht benahmen.

„Man hat einfach keine Ahnung, wie anspruchsvoll das Leben mit Kindern sein kann. Ich liebe ja die Wildheit meiner Mädchen. Aber sie ist halt auch anstrengend, man muss sie aushalten. Ich hätte nie geahnt, wie wichtig Grenzen sind.“

Man lernt mit Kindern seine eigenen Grenzen zu sehen, sie zu wahren und ihnen dabei zu helfen, ihre eigenen zu erkennen und zu schützen. Kommunikation ist für Jasmin ein Schlüsselwort.
„Es ist mir ganz wichtig, meinen Töchtern mitzugeben, dass alle Gefühle erlaubt sind, man sie aber auch vermitteln können und darüber reden muss.“

Jasmins Eltern sind Kinder der Nachkriegsgeneration. Damals ging es ums schiere Überleben ging, Essen auf den Tisch zu bringen und die Kinder so ruhig zu halten, damit sie nicht noch mehr Arbeit machten.

„Wir haben hier die große Chance, empathische, kommunikative Kinder großzuziehen. Durch meine Kinder habe ich zum Beispiel gelernt, wie machtvoll eine Entschuldigung sein kann. Ich bin immer wieder erstaunt, was das auslöst, wenn ich mich bei meinen Kindern entschuldige. ‚Es tut mir leid‘, hört man es ganz oft bei uns im Haus, und dann erleben meine Kinder immer wieder: ‚Ah, Mama, übt ja auch noch’. Jeden Tag.“

Interview mit Autorin Tanya Neufeldt: "Ich bin mit Bewertungen von Müttern sehr vorsichtig geworden"

Foto: Mujo Kazmi
Liebe Tanya, du hast ein Buch über Mütter geschrieben und dafür 30 ganz unterschiedliche Frauen interviewt – das Porträt über Schauspielerin Jasmin Gerat durften wir gerade lesen. Hat dich das Projekt verändert? Inwiefern?

Tanya Neufeldt: Jedes Projekt und jede Begegnung verändert einen ja, aber dieses Projekt hat mir doch noch einmal eine ganz andere Perspektive auf das Muttersein gegeben. Ich hatte ja das große Glück, für die Interviews Müttern zu begegnen, mit denen ich sonst einfach keine Berührungspunkte habe – aufgrund von Geographie, Alter oder Herkunft.

Jeder lebt ja in seiner eigenen Blase. Das ist ja immer nur eine Mini-Variante, wie man das Muttersein leben kann. Aber durch das Projekt durfte ich Einblicke in Leben und Biografien bekommen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Das hat mir meinen Horizont und mein Denken insofern erweitert, als dass ich seitdem viel, viel vorsichtiger mit Beurteilungen und Bewertungen bin. Jede Mutter hat ja ihre Geschichte, und jede Mutter ist auch geprägt von ihrer Mutter und die wiederum von ihrer Mutter. Wenn man sich die Mühe macht hinzuschauen, dann kann man gar nicht mehr so schnell beurteilen. Ich habe eine große Portion Demut gewonnen.

Was hat es dich am meisten gelehrt?

Jede Mutter ist anders, aber uns alle einigt der Wunsch, dass wir für unsere Kinder das Beste wollen. Die Rucksäcke, die wir tragen, sind nur sehr unterschiedlich. Und das lässt uns sehr, sehr unterschiedlich agieren. Ich habe aber auch meine eigenen Grenzen nochmal besser kennengelernt. Eine der Mütter, die ich interviewt habe, hat zwei Pflegekinder – dieses Herz, diese Größe, sich um die Kinder zu kümmern, die aus schwierigen Verhältnissen kommen, und gleichzeitig auch mit großem Herz auf die leiblichen Mütter zu schauen – das würde ich mir nicht zutrauen. Diese Stärke habe ich nicht.

Wie kamst du auf die Idee, das Buch zu schreiben?

Das Buch entstand in einem Gespräch mit Laura Esnaola, der Geschäftsführerin von Care.com Europe. Care.com ist die größte Online-Plattform für Betreuungsdienstleistungen. In Deutschland besser bekannt unter betreut.de.

Wir wollten eigentlich über ein ganz anderes Projekt sprechen, aber wir vertieften uns immer mehr in das Thema „Wie unterschiedlich die Voraussetzungen für Mütter auf der ganzen Welt sind“ und dann fiel der Satz: „Man müsste mal ein Buch über Mütter machen“ – und das Projekt war geboren. Oft stehen Projekte, die so im Nebensatz entstehen, unter einem enorm guten Stern, weil sie nicht konstruiert, sondern emotional geladen sind. Es war dann relativ schnell klar, dass ich 30 Frauen aus ganz Deutschland interviewen und auch fotografieren wollte. Ich habe einen Blogpost geschrieben und hatte am ersten Tag knapp 400 Mails… da habe ich den Blogpost ganz schnell wieder runtergenommen.

Was genau hat das Buch nun mit Care zu tun?

Care.com hat das Projekt und auch den Druck der ersten 1000 Exemplare finanziert. Darum ist es überhaupt möglich, dass die Erlöse der ersten 1000 Exemplare fast komplett an Care Forward gehen. Care Forward ist eine Organisation, die Care.com zusammen mit der IRC (International Rescue Committee) gegründet hat und die geflüchteten Frauen und Müttern in Deutschland dabei hilft, in den Beruf zurückzukehren oder einen zu finden – mit Deutschkursen, Praktika, Ausbildungen etc. Und natürlich wird während der Kurse Kinderbetreuung angeboten. Ich finde das Programm so großartig, weil es Frauen stark macht und sie so die Chance auf ein selbstbestimmtes, würdevolles Leben bekommen. Auch ab dem 1001 Exemplar geht ein Großteil der Erlöse an Care Forward, aber die Produktionskosten müssen zunächst gecovert sein.

Der Wunsch war es, einen Kreislauf entstehen zu lassen: „Mütter aus Deutschland*“ soll ein Buch von einer Mutter über Mütter für Mütter sein. Der gemeinsame Wunsch von Care.com und mir ist es, Mütter zu unterstützen, die Leser mit unterschiedlichen Biografien zu inspirieren und einzuladen, mit mehr Verständnis aufeinander zu schauen und die Vielfalt an Müttern zu bestaunen, die wir in Deutschland haben. Und ich hoffe sehr, dass uns das gelungen ist!

Tanya Neufeldt: Mütter aus Deutschland, kladde buchverlag*

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